10 Denkfehler im Marketing: Warum Tradition kein Geschäftsmodell ist… – Induktionsfehler

von Fred Geiger

Der Schwerpunkt meiner Seminare ist das, was ich gerne als Marketinginnovation bezeichne: ich bin Anhänger der Digitalisierung der Marketingarbeit und das in aller Konsequenz. Diesen Standpunkt vertrete ich bisweilen vielleicht auch etwas zu messianisch, sehr emotional und immer mit aller Leidenschaft. Nach einem zweitägigen Seminar fühle ich mich dann oft wie ein Marathonläufer nach 42 km – erschöpft, aber eben auch „im flow“, wie es meine Softskillkollegen nennen würden. Manche Teilnehmer hingegen, wirken durchaus bedrückt und ich suche dann auch häufig das Gespräch mit ihnen. Meist treffe ich dann auf folgende Gefühlslage: der Teilnehmende hat viel Neues mitgenommen, nicht nur von mir, sondern vor allem auch im Austausch mit anderen Teilnehmenden: was im Marketing jetzt und in naher Zukunft möglich ist, welche dramatischen Umbrüche bevorstehen und was sich auch im eigenen Unternehmen verändern muss. Aber sie/er verlässt das Seminar mit dem unguten Gefühl, dass man diese notwendigen Veränderungen bei sich nicht durchsetzen kann, obwohl man vielleicht sogar als Abteilungsleiter/in fungiert. Ganz häufig stellt sich dann heraus, dass die oberen Führungskräfte des Unternehmens zwar abstrakt Veränderungen wünschen und wollen, dafür auch Mittel verfügbar machen (wie zum Beispiel auch das Geld für Personal und Seminare), dann aber doch den Schritt „über den Rubikon“ meiden und/oder Mitarbeiter daran hindern diesen zu tun. Gründe dafür gibt es viele, aber nur in den seltensten Fällen sind es eine mangelnde intellektuelle Kapazität, Wissenslücken oder fehlendes persönliches Format der ersten oder zweiten Führungsebene. Ein wesentlicher und ganz banaler Grund, warum sich Führungskräfte mit „dem Neuen“ oft so schwer tun, ist der Induktionsfehler – ein Phänomen, das einerseits im täglichen Tun schwer durchschaubar ist und andererseits sehr häufig auftritt.

Die 10 größten Fehler im Marketing – Beispiel 1: Der Verzicht auf Ethnomarketing

Als ethnische (von griechisch „ethnos“ = das Volk) Minderheiten werden zunächst Volksgruppen bezeichnet, die auf dem Gebiet eines Staates leben, das mehrheitlich von einer anderen Volksgruppe bewohnt wird. In der Ära des Nationalstaats (in Deutschland vor allem der Zeitraum zwischen 1871 und 1945), standen Minderheiten unter einem hohen Assimilierungsdruck, weshalb zum Beispiel die hohe Zahl der ins Ruhrgebiet eingewanderten polnischsprachigen Zuwanderer sich schnell integriert hat. An die slawischen Wurzeln vieler Einwohner des Ruhrgebiets erinnern heute allenfalls noch die Namen.

In Deutschland wurde Ethnomarketing erst vor wenigen Jahren entdeckt. So begann die Bildung stabiler ethnischer Minderheiten im großen Stil bei uns erst Ende der 70er Jahre, als klar wurde, dass die Masse der in den 60ere und frühen 70er Jahren zugewanderten Gastarbeiter dauerhaft in Deutschland bleiben wird. Hinzu kam der neue Zuzug in sich geschlossener neuer Bevölkerungsgruppen wie zum Beispiel der Russlanddeutschen (rund 2,3 Mio.). Auch kam es aus ganz verschiedenen Gründen nicht zur Assimilierung dieser neuen Bevölkerungsgruppen in der zweiten oder dritten Generation.

Im Gegenteil: durch die zum Teil sehr ausgeprägte räumliche Ballung von Ethnien (so gilt Berlin-Kreuzberg als die größte türkische Stadt ausserhalb der Türkei) und die Bildung einer kompletten Infrastruktur (mit spezifischen Produkten und Läden) und mit einer eigenen Informationsgesellschaft (mit Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und Fernsehsendern) erreichen wir heute insbesondere den türkisch geprägten Teil unser Bevölkerung (immerhin knapp 3 Mio. Personen) mit einem standardisierten Marketingmix nicht mehr.