Erschreckende Glaubenssätze in Sachen Führung

von Fred Geiger

Heute bin ich über einen Artikel in Focus Online gestolpert. Dabei bin ich mir nicht sicher, ob ich lachen oder weinen soll. Autor ist laut Focus Online:

Priv. Doz. Dr. med. Thorsten Kienast, Jahrgang 1968, ist Ärztlicher Direktor der Max Grundig Klinik in Bühl. Im Rahmen des neuen Klinik-Schwerpunkts „Psychologische Medizin“ betreut und behandelt der renommierte Psychotherapeut und Psychiater viele Unternehmer und Top-Manager

Nachzulesen unter: www.focus.de/finanzen/news/gastkolumnen/kienast/wertschaetzung-statt-druck-so-treiben-manager-ihre-mitarbeiter-zur-bestleistung_id_3545459.html

Hier zeigt sich wieder einmal, wie Glaubenssätze das Thema Mitarbeiterführung dominieren. Das zeigt sich ja schon am Linktitel, denn dort werden Mitarbeiter ja nicht zur Bestleistung “geführt” oder “motiviert”, sondern “getrieben”. Unter der (ja an sich positiven) Überschrift “Wertschätzung statt Druck” werden u.a. folgende, aus meiner Sicht tollkühne Thesen aufgestellt:

“Der Kern der Personalführung ist es emotionale und gedankliche Widerstände zu überwinden”

“die Anwendung psychotherapeutischer Strategien ist eine Kernfertigkeit der Führungskraft”

Dabei gilt es wohl, laut Priv. Doz. Dr. med. Thorsten Kienast, nur 5 verschiedene Strategien anzuwenden, um erfolgreich “wertschätzend” zu führen:

1.) Für eine wertschätzende Mitarbeiterführung reicht ein 10-minütiges persönliches Gespräch alle 2 bis 3 Monate!! aus

2.) Die schlichte Kunst der Verbalisierung (dass ist das Wiederholen des Gesagten mit eigenen Worten – gerne auch gelehrt in Basisschulungen für angehende Versicherungsvertreter) ist ein weiterer Königsweg der wertschätzenden Mitarbeiterführung

3.) Ein Arbeiterkind, so der Autor, würde anders “ticken” als ein Manager aus dem “Gesellschaftsadel”. Sic! Auch das müsse man bei der Mitarbeiterführung berücksichtigen

4.) Gedanken und Gefühle müssen angesprochen werden, sonst, so ein im Artikel genanntes Beispiel, “drohe, dass ein Mitarbeiter, der befördert wurde den Schutz des Betriebsrats sucht”. (Anmerkung: dieses Beispiel ist natürlich sehr realitätsnah. Wissen wir als erfahrende Führungskräfte doch, dass sich Mitarbeiter, die wir gerade befördert haben, natürlich regelmäßig unter die Fittiche des Betriebsrats flüchten – diese undankbaren Wichte.)

5.) Radikale Echtheit sei ein weiteres zentrales Element der Mitarbeiterführung. Aber natürlich nicht ohne dabei das “verhaltenstherapeutische Konzept” des “Verzeihens” einzubauen.

Das Alles tun Manager, lt. Dr. Kienast, übrigens nur aus einem einzigen Grund: “Mit ihnen (also diesen 5 “Strategien”) kann es gelingen, die schwierigste Aufgabe im Management überhaupt zu lösen: Das Verhalten der Mitarbeiter nachhaltig in eine positive Richtung zu verändern.

Ich habe tatsächlich ein wenig Angst davor, dass Führungskräfte diese Tipps tatsächlich anwenden. Man stelle sich vor: eine Führungskraft, die glaubt, dass Führung vorwiegend nicht auf dem Überzeugen von Menschen und auch wenigstens ab und zu einmal auf Freiwilligkeit oder gar Begeisterung beruht, sondern auf dem “Überwinden von Widerständen”. Ein Chef, der meint, dass man mit 10 Minuten pro Quartal an persönlicher Gesprächszeit einen Mitarbeiter “wertschätzend” führt. Menschenführer deren jämmerliches Repertoire an Führungstools aus Vorurteilen (Arbeiterkind vs. Gesellschaftsadel) und psychologischen Tipps aus der Klamottenkiste besteht. “Top-Manager” die nach Gutsherrenart mit Mitarbeitern umgehen sollen (radikale Echtheit verbunden mit dem Element des Verzeihens), nach dem Motto “ich bin mit Ihrer Leistung unzufrieden, aber ich verzeihe Ihnen in meinem unendlichen Großmut. Sie können sich jetzt von Ihren Knien erheben”. Da der Mitarbeiter als solcher offensichtlich grundsätzlich und wahrscheinlich auch noch vorsätzlich falsche Pfade beschreitet, führen wir ihn dann auch noch zurück (und zwar nachhaltig!) in eine positive Richtung. Welch ein Welt- und Menschenbild in Sachen Führung!